Thema: Die Null-Fehler-Politik im Maschinenbau.

Jan Windmüller
7.1.2025
5
Minuten Lesezeit

Mindset der Zukunft

Besonders in der heutigen Zeit, in der alles schnell gehen muss. Wir in der Arbeitswelt, wie auch privat ständig unter Druck stehen und wir auch auf Grund der Digitalisierung, mit viel mehr Informationen überflutet werden als wir verarbeiten können, spielt dieses Thema für mich eine übergeordnete Rolle.

Ich persönlich habe meine Sichtweise auf Fehler komplett verändert. Selbst habe in den letzten Jahren unzählige Fehler gemacht und werde auch in Zukunft noch einige machen, hoffentlich!

Mit der sogenannten Null-Fehler-Politik wird man natürlich nicht nur im Maschinenbau oder in der Konstruktion und Entwicklung konfrontiert, sondern in sehr vielen Lebenssituationen. Wie geht man mit Fehlern richtig um? Gibt es darauf eine klare Antwort? Diese Lösung sucht man leider vergebens. Wir können aber darüber sprechen und auch einige Punkte auf den Tisch bringen, über die man vielleicht nicht so gerne diskutiert und so einen gewissen Einfluss auf das Fehlerbewusstsein ausüben.

Die Fehlerenergie.

Ich spreche wenn es um Fehler geht, gerne über eine Art Energie. Stellen wir uns einfach mal vor wir könnten diese Energie sehen. Wie Sie weitergegeben wird, was damit geschieht und welche Wege diese Energie geht.

Wir können Prozesse und Teams optimieren so viel wir wollen, egal welche Software wir einsetzen oder Protokolle und Prüfschritte wir einführen. Die Fehlerenergie bleibt im Prinzip immer dieselbe und wird dadurch nur verlagert bzw. transformiert.

Besonders in der Maschinenbaubranche wird einem nicht nur Perfektion eingetrichtert, sondern die bekannte Fehlerkette, immer wieder vorgerechnet und klar begründet. Je später ein Fehler auffällt desto teurer wird er. Skaliert man diesen zurück in die vorangegangenen Prozesse, wie zum Beispiel Änderungsmanagement oder Datenpflege wird dies sichtbar. Im schlimmsten Fall kommt es zu neu Beschaffungen, Materialverschwendung und vielem mehr. Aber gehen wir die Sache mal etwas anders an und betrachten das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

Fehler aus der Sicht von Führungskräften.

Betrachten wir das Thema zuerst aus der Sicht einer Führungskraft. Fehler kosten Geld und Zeit, das ist bekannt, aber oft ist da noch etwas anderes. Sagen wir ein Fertigungsleiter oder Meister hat an seine Mitarbeiter Aufgaben verteilt, bei einigen dieser Aufgaben entstehen Fehler, somit auch bei den Mitarbeitern.

Meine spezielle Meinung ist, dass die Fehlerenergie in der Führungsperson gebündelt wird. Für den Betriebsleiter bedeutet das nicht nur Mehrarbeit oder Liefertermine zu verschieben. Das alles hat eine eher komplexe psychologische Seite. Wie stark ist die Belastung auf Führungskräfte wirklich? Es entsteht ein Druck, bei dem auch der Gedanke aufkommt, dass die Fehler wegen einem selbst entstehen und somit bei schlechter Führung. Wie geht man mit dieser Menge an Energie richtig um?

Mitarbeiter am Ende der Fehlungskette.

Betrachtet man die Mitarbeiter, welche die jeweilige Aufgabe möglichst fehlerfrei durchführen sollen, haben diese vermutlich einen ganz anderen Blick auf die Dinge. Sie sind eine Art Puffer und Quelle der Fehlerenergie zu gleich und so fühlt es sich oft auch an.

Man bekommt eine Aufgabe aber kein richtiges Arbeitsmaterial oder falsche Teile und einem bleibt nichts anderes als das Beste daraus zu machen. Für jeden Fehler bekommt man eine Standpauke, sodass die Führungskraft zumindest ein Minimum seiner angestauten Fehlerenergie ableiten kann. Je mehr man versucht keine Fehler mehr zu machen, desto mehr passieren.

Irgendwann fängt der Mitarbeiter sich Gedanken zu machen wie: „Warum mache ich nicht einfach weniger oder langsamer? Dann passieren vielleicht auch weniger Fehler und ich bekomme nicht so schnell die nächste Aufgabe“. Vielleicht macht der Mitarbeiter auch eine Woche krank, das ist immerhin eine Woche ohne Fehler und ohne Druck.

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©javaistan / unsplash.com

Das große Ganze.

Zu erwarten, dass ein neuer Prozess ab der ersten Sekunde nach der Montage fehlerfrei funktioniert und in der Konstruktion alle nötigen Parameter bedacht oder simuliert und getestet wurden, ist leider weit entfernt von der Realität. Auch unter unseren Kunden sind Maschinenbauer, die für einzelne Klebeprozess oder mechanische Montageprozesse bis zu 2 Jahre Entwicklungszeit und eine hohe Summe investiert haben.

Ein schlecht aufgestelltes Fehlermanagement hat psychologische Auswirkungen auf das Verhältnis unterschiedlichster Abteilungen untereinander, der Umgang mit Fehlern kann der Schlüssel zum Erfolg oder zum Untergang sein.

Das Ziel ist es nicht nur Fehlerquellen zu vermeiden, das ist und bleibt Wunschdenken. Sinnvoller ist es die Fehlerenergie auf mehrere Personen aufzuteilen und so eine Art Auffangbecken für Fehler zu erschaffen. Zum Umgang mit Fehlern und der richtigen Kommunikation kann man Bücher mit tausenden von Seiten lesen, aber machen wir uns doch einfach mal klar, woran es hängt.

Der Positive Fehler.

Ist es nicht Zeitverschwendung zu denken: „Das hätte nicht passieren dürfen“, „Wie kam es nur dazu?“, „Was habe ich falsch gemacht?“. Anstatt direkt mit der Problemlösung zu starten? Leider wurde das besonders in den letzten Jahren falsch vorgelebt und somit ist es für uns sehr schwierig die Fehlerenergie direkt umzuwandeln. Aber das heißt nicht, dass wir es nicht versuchen sollten.

Einen Fehler zu machen, bedeutet auch dass man „etwas gemacht“ hat. Wenn man nichts gemacht hätte, wäre der Fehler wohl nicht passiert. Somit sprechen wir von einem Fortschritt, man hat es wenigstens versucht und ist damit viele Schritte weiter gegangen als manch anderer. Wir sollten dringend vermeiden jemanden zu bestrafen der motiviert genug war, sich der Aufgabe anzunehmen. Vielleicht bringen uns Fehler schneller und direkter zum Ziel als wir denken? Vielleicht werden so auch Ergebnisse schneller sichtbar?

Aus Fehlern lernt man, ist nicht nur ein Spruch, sondern definitiv die schnellste Art an Erfahrung zu gewinnen. Natürlich ist es schön, wenn solche Fehler dann in Zukunft nicht mehr vorkommen, aber je nach Aufgabe muss man sich klar machen, dass es so gut wie ausgeschlossen ist, keine Fehler zu machen.

Geht mal in euch und fragt euch selbst: „Ist uns nicht bereits bewusst das Fehler entstehen können?“, „Warum wundern wir uns darüber oder regen uns darüber auf?“, „Warum entwickelt man Prozesse und Abläufe ohne Fehler mit einzubeziehen?“, „Macht es vielleicht sogar Sinn Prozesse um Fehler herum aufzubauen?“.

Fehler in der Forschung und Entwicklung.

In der Ingenieurskunst sind die größten Entwicklungen der Geschichte nur durch viele Fehlversuche zu dem geworden, was Sie heute sind. Manche wurde sogar durch Zufall entdeckt. War das etwas ein Fehler?

Wir neigen besonders in Deutschland zu einer immensen Überregulierung. Mal von den ganzen Behörden abgesehen finden auch im Maschinenbau immer mehr Prozesse statt, welche die Arbeit kontrollieren sollen, um Fehler zu vermeiden. 4-Augenprinzip, Abnahmeprotokolle, Messsysteme, Controlling uvm. Die Prozesse tragen zwar dazu bei dass Fehler vermieden werden, aber neigen auch in eine Art Perfektionismus umzuschlagen. Perfektionismus kann gut sein, wenn diese Energie auch richtig genutzt wird. Doch welche Auswirkungen haben diese Prozesse wirklich?

Ich mag das Wort „Agil“ nicht besonders, aber sind wir ehrlich, durch zu viele Prozesse und Einschränkungen sowie Kontrollprozesse werden wir langsamer, wenn nicht sogar träge. Der Aufwand in Sachen Datenpflege und Dokumentation, sowie die Einhaltung der Prozesse oder Kontrolle bindet immer mehr Kapazitäten, die es aktuell schlicht weg nicht gibt. Aber das ist nicht alles.

Gefühlt schränken wir durch diese Prozesse der Fehlervermeidung auch den Raum ein, den ein Mensch benötigt, um auf neue Ideen zu kommen. Oder die Gedanken die nötig sind, den einfacheren, schnelleren und sinnvolleren Weg einzuschlagen. Wenn man sich bewusst ist, „das wird sowieso noch geprüft“, verliert man das Gefühl für Eigenverantwortung und die Fähigkeit Entscheidungen zu treffen. Es wird oft schlecht über die kommende Generation geredet, aber sind nicht diejenigen Schuld, die die Chance hatten, die richtigen Grundsätze zu lehren bzw. Die richtige Werte und Chancen weiterzugeben.

Während ich diese Zeilen schreibe wird mir immer mehr bewusst welche Auswirkung unser Umgang mit Fehlern aber auch mit Menschen im Laufe der Zeit hat. Haben wir die Möglichkeit das Ruder rumzureißen? Wie kann es aussehen, wenn die Fehlerenergie in etwas positives Umleiten oder sogar für sich nutzen kann, um Menschen wieder mehr Verantwortung zu lehren und mehr Chancen zu geben? Wäre das nicht mal ein sinnvolles „Change-Management“? Wie kann so ein Team aussehen?

Bereit um durchzustarten?

Wir wollen kein „das machen wir schon 30 Jahren so“ wir denken einen Schritt weiter, verknüpfen unterschiedlichste Branchen mit Zukunftstechnologien und spannenden Menschen.